Zwei Mettbrötchen, Demut und Dankbarkeit.

Es fällt uns ganz leicht, die Schwächen bei anderen Menschen zu erkennen.

 

Wieso ist das so?

 

Nun, vermutlich verbirgt sich dahinter ein Schutzmechanismus, eine Möglichkeit, unseren Platz in der Gesellschaft zu sichern. Doch wenn wir einmal ein paar Schritte zurück treten und das Ganze mit etwas Abstand und wertfrei beobachten, dann können die vermeintlichen Schwächen des anderen uns beflügeln.

 

Jeder Mensch hat etwas Einzigartiges. Jeder hat etwas zu geben. Auch wenn uns das vielleicht nicht auf dem ersten Blick schlüssig scheint.

Ich möchte euch von einer Erfahrung berichten, die mir widerfuhr.

In der Mittagspause gehe ich gern mal ein halbes Stündchen um den Block, um ein wenig frische Luft zu tanken. Dabei fiel mir vor Monaten ein älterer Mann auf, der mit einem leeren to-go-Becher vor einem Geschäft steht  und „still“ bettelt. Es stehen in Hannover viele Menschen in Ecken und Straßen, um ein paar Euro zusammen zu schnorren. Wenn ich an ihnen vorbei gehe, schaffe ich es nicht jedes Mal, ihnen in die Augen zu schauen. Dabei steckt ja hinter jeder Person ein einzelnes Schicksal.

 

Im Laufe der Zeit tat ich ab und zu ein wenig Kleingeld in seinen Becher, meist, ohne ihn direkt dabei anzusehen. Ich hetzte vorbei, obwohl ich mir hätte Zeit nehmen können.

 

Als ich gestern das Gebäude zur Mittagspause verlasse, habe ich mich schon mit ein paar Geldstücken bewaffnet. Und da steht er wieder. Es fällt mir nicht leicht, doch ich gehe auf ihn zu und während ich das Geld in seinen Becher lege schaue ich ihn direkt in die Augen und frage freundlich: „Wie geht es Ihnen heute?“ (Eine Floskel, die ich wohl schon hunderte Male gesagt habe.) Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich glauben, dass er auf diese Frage gewartet hat. Es sprudelt aus ihm heraus und ich erfahre, dass er auf einen Anruf warte, weil eine Operation bevorstehe. Er erzählt mir von Krankheiten, die ihn plagen, dabei werden meine Augen immer größer. Ihm sei schwindelig aber er kann sich nicht setzen, weil die Leute dann an ihm vorbei laufen. Er will stehen, damit sie ihn sehen.

 

Auf meine Frage, ob er heute schon etwas gegessen hätte antwortet er mit „nein“. Er erzählt mir, dass er „den Strom wiederhaben“ will. Das sei wichtig und dafür braucht er das Geld. Beim Nachfragen erfahre ich, dass der Stromversorger ihm den Strom abgeschaltet hat. Er kann von seinem Standort nicht weg, weil die Passanten um die Mittagszeit vermehrt vorbei gehen.  

E r   k a n n   n i c h t   w e g  !

 

Habe ich mich verhört? „Sie haben heute noch nichts gegessen?“  Und wieder bestätigt er dies. Meiner Einladung zum Bäcker nebenan kann er nicht folgen. Er muss hier bleiben wegen der Passanten. Ein Mettbrötchen mit Zwiebeln würde ihm weiter helfen.  

E r   k a n n   n i c h t   w e g  !

 

Und so gehe ich zum Schlachter und erwerbe für drei Euro zwei gut belegte Mettbrötchen.

D r e i   E u r o  !

 

Als ich sie ihm bringe, legt er sie zu Seite, weil jetzt die Passanten kommen… Beim Verabschieden rufe ich ihm zu, dass ich beide Daumen drücke, damit er den ersehnten Anruf bekommt. „Ja“, sagt er, „im Krankenhaus wäre ich gut versorgt.“

 

Puhhhh, ich atme tief durch, kann mich umdrehen und gehen… in ein Wochenende, geplant mit Familie und Freunden. Wie klein erscheinen jetzt meine Probleme!  Ach was sag ich, Probleme kann ich sie gar nicht nennen.

 

Aus tiefstem Herzen bin ich dankbar für diese Begegnung und bin voller Demut. Augenscheinlich habe ich ihm geholfen. So empfinde ich es aber nicht. Diese Begegnung hat mich geerdet und zeigt mir, wie gut es mir geht auf der Sonnenseite des Lebens. Satt zu essen, ein Dach über dem Kopf, Strom aus der Steckdose, ausreichend Wäsche im Schrank und eine Familie, die zu Hause auf mich wartet. Ich bin froh, dass ich meine Scheu und meine Vorurteile überwunden und ihn angesprochen habe.

 

 

 

 


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